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  • AutorenbildJoachim Materna und Ellen Kuhn

Kumaris in Nepal - göttliche Jungfrauen oder versklavte Mädchen?


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Kein Fremdenführer lässt diese Sehenswürdigkeit in Kathmandu aus. Sie gehört gleichzeitig zu den größten Attraktionen, aber auch zu den größten Heiligtümern Nepals, selbst wenn man sie nur selten zu Gesicht bekommt. Ehrfurchtsvoll weist der Guide auf ein Fenster oben im Innenhof des roten Backstein-Palasts am Durbar Square und erklärt mit flüsternder Stimme: „Dort oben lebt sie, die Kumari!“.

Erst als wir wieder in das hektische Treiben vor dem Tempel-Palast im Zentrum der nepalesischen Hauptstadt hinaustreten, normalisieren sich seine Haltung, seine Mimik und seine Stimme. Wortreich und mit viel Insiderwissen bemüht er sich, uns seine Faszination und seine tiefe Religiosität zu vermitteln.

 

Kumari bedeutet im Nepalesischen erst einmal nur Mädchen oder Jungfrau. Diese Kumari aber – sein Körper verneigt sich wieder leicht in Richtung Palast – gilt in Nepal seit dem 16. Jahrhundert als Göttin, und zwar als Reinkarnation der Göttin Taleju. Kumaris gibt es auch in wenigen anderen nepalesischen Städten, aber diese hier in Kathmandu ist mit Abstand die bedeutendste und wichtigste. Für die Verkörperung der Göttin kommen als Kumaris immer nur junge, weibliche Kinder in Frage.

Muss eine neue Kumani bestimmt werden, werden Mädchen im Kleinkindalter zwischen dem zweiten und vierten Lebensjahr einem Auswahlverfahren unterzogen, bei dem 32 körperliche Merkmale erfüllt sein müssen – zum Beispiel keine Muttermale, keine Narben, keine ausgefallenen Zähne – und auch ihr Geburtshoroskop muss passen. Hilfreich ist eine Abstammung aus einer angesehenen Familie der buddhistischen Newar-Ethnie. Schließlich erklären Priester das am besten geeignete Mädchen zur lebenden Göttin.

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Kindgottheiten, denen magisch-mystische Kräfte zugeschrieben wurden, gab es historisch und gibt es teilweise symbolhaft auch heutzutage in fast allen Religionen. Der Kindergestalt des Horus im alten Ägypten wurden ebenso göttliche Energien zugeschrieben wie dem Jesuskind im christlichen Glauben. Aber in kaum einer anderen Religion wird bis heute eine Figur aus Fleisch und Blut als Kindgöttin verehrt, und kaum sonst wird trotz aller Werte der humanen Moderne an dieser Tradition scheinbar unbeirrt festgehalten.

 

Wie sieht das Leben einer Kumari aus?

Ihr Tag beginnt damit, dass ihre Eltern oder eine Pflegefamilie sie zu ihrem Thron tragen, denn ihre Füße dürfen den Boden außerhalb des Hauses nicht berühren. Dieser gilt als schmutzig. Die meiste Zeit des Tages sitzt die Kumari, in ein rotes Gewand gekleidet, auf ihrem Thron und empfängt Pilger, um sie zu segnen. Hunde, Gegenstände aus Leder und Frauen, die gerade ihre Periode haben oder schwanger sind, dürfen nicht vor die Kumari treten. Während der Pilgersegnung muss sie stumm bleiben. Reden ist ihr nicht erlaubt. Kommunizieren durfte eine Kumari die längste Zeit nur mit ihrer Familie. Spielen mit anderen Kindern ist verboten, allenfalls mit den Geschwistern. Seit Ende der neunziger Jahre ist immerhin eine Kommunikation mit ihrer Privatlehrerin erlaubt. Früher erhielten die Kumari keinerlei Schulbildung, da eine Göttin als allwissend gilt. Der Vater einer Kumari konnte damals durchsetzen, dass seine Tochter Unterricht von einer Hauslehrerin erhielt mit einem anerkannten Abschluss. Da der Mädchengöttin jedoch nicht widersprochen werden darf, gestaltet sich der Unterricht schwierig, wie man sich unschwer vorstellen kann. Vielleicht der Traum aller weltlichen Schülerinnen und Schüler.

Zu den Pflichten einer Kumari gehört auch, dass sie sich der Öffentlichkeit zeigt. Meist tritt sie einmal pro Tag an ihr Fenster und blickt stumm und weitgehend regungslos hinaus, was die versammelte Menge in Entzücken und fast schon Ekstase versetzt.

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Über all die Jahre als Kumari sind die Mädchen an das Palast-Haus gebunden. Im Rahmen der seltenen großen religiösen Feste wird sie in einer goldenen Sänfte von mehreren männlichen Trägern außerhalb des Hauses transportiert oder in einem Ratha-Tempelwagen durch die Straßen von Kathmandu gefahren.

Als Nepal noch eine Monarchie war, suchte der König die Kumari einmal im Jahr auf und küsste ihr die Füße. Im Gegenzug erhielt er ihren Segen, indem er sich von ihr ein Tilaka, ein Segenszeichen, auf die Stirn tupfen ließ. Wie sich das göttliche Kind dabei dem König gegenüber verhielt, wurde von vielen Nepalis als Omen für die Geschicke des Landes und der Monarchie in den Monaten danach interpretiert.

Eine Kumari erlangte wegen ihres Verhaltens eine besondere Berühmtheit, weil sie als damals sechsjährige Göttin vier Tage lang weinte. Eine weinende Kumari bedeutete schon immer besonders viel Unglück für das Land oder das Königshaus. Am 31. Mai 2001 hörte sie auf zu weinen, am Tag darauf erschoss der Kronprinz Dipendra seine Mutter, seinen Vater und sieben weitere Mitglieder der königlichen Familie, bevor er sich selbst eine Kugel in den Kopf jagte. Diese Tat ist in Nepal bis heute als «Royal Massacre» bekannt. Der Überlieferung nach weinte die Kumari nie wieder.

Seit Abschaffung der Monarchie 2008 besucht sie auch der maoistische Premierminister Nepals, was die tiefe Verankerung dieses Glaubens in der nepalesischen Kultur über alle sonstigen Ideologien hinweg mehr als deutlich macht.

 

Mit dem Einsetzen der ersten Menstruationsblutung erlischt Jahre später der Göttinnen-Status einer Kumari, da die Verkörperung einer hinduistisch-buddhistischen Gottheit ihren religiösen Vorstellungen nach nicht „unrein“ sein darf. Die Göttin verlässt dem Glauben nach den nunmehr ungeeigneten Körper des Kindes.

 

Plötzlich keine Göttin mehr - was passiert danach?

Heute noch Göttin und ein Leben wie eine Prinzessin und plötzlich mit der ganz normalen Welt konfrontiert zu werden, ist ein Schock, so beschreiben es nicht wenige ehemalige Kumaris.

Sich allein in einer Stadt zu bewegen, auf den eigenen Füßen längere Strecken zu gehen, mit vielen Leuten konfrontiert zu werden, mit dem verstörenden Verkehr der Hauptstadt umzugehen, all das sind im Alter von dann vielleicht zwölf oder vierzehn Jahren völlig neue Erfahrungen. Um den Übergang zu erleichtern, erhalten ehemalige Kumaris, nachdem sie ihren göttlichen Status verloren haben, inzwischen eine Pension vom Staat über monatlich etwa dreißig Euro und werden weiterhin betreut, um ihnen den Einstieg in ein irgendwann selbstbestimmtes Leben zu erleichtern.

Einen öffentlichen Auftritt haben die ehemaligen Kumaris einmal im Jahr beim Indra Jatra, dem größten religiösen Fest, auf dem neben Maskentänzen mit den Bildern von Göttern und Dämonen auch die amtierende Kumari auf einem riesigen, goldgeschmückten Festwagen durch die Innenstadt gezogen wird. Auf einem Balkon im ersten Stock, von dem aus man den ganzen Platz überblicken kann, stehen die ehemaligen Kumaris, alle in Rot gekleidet, neben nepalesischen Würdenträgern und beobachten ihre Nachfolgerin.

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Es gibt keine exakten Follow-ups, was aus all den Kumaris der letzten Jahrzehnte geworden ist, allenfalls Berichte über einzelne Schicksale. Die meisten scheinen in ganz normale Lebensläufe zurückgefunden zu haben. Das Kumari-Sein, beschreibt eine Ex-Göttin, sei für sie eine einmalige Erfahrung gewesen, die man den Mädchen nicht verwehren sollte. Sie zehren ihr Leben lang davon, auch wenn es vorbei ist. Nach ihrem Studium der Wirtschaftswissenschaft hat sie schnell einen guten Job bei einem Konzern gefunden. Ihr einziges Problem sehe sie darin, einen Mann zu finden, wobei sie allerdings unsicher sei, ob die Männer sich vor einer ehemaligen Göttin fürchten oder wie so oft einfach Angst haben vor einer gebildeten und selbstsicheren Frau.

 

Westliche Besucher Nepals stehen ebenso wie wir zuerst einmal kopfschüttelnd, ungläubig und fast schon entrüstet vor dem Palast und vor dem Kumari-Phänomen. Hinter dem starken Make-up, den Haarkränzen und Kleidern bleibt es doch immer ein Kind, das da oben am Fenster steht. „Das sollte man verbieten“ ist eine nicht selten hinter vorgehaltener Hand geflüsterte, spontane Reaktion unter den Touristen. Wir lauschen den emotionalen Ausführungen unseres Guides, lesen die Berichte ehemaliger Kumaris und werden zumindest leicht verunsichert. Dann machen wir uns zusätzlich bewusst, dass Nepal eines der ärmsten Länder der Welt ist, in dem Bildungsmangel, Kinderarbeit und Menschenhandel ineinander verstrickte und täglich präsente Probleme sind.

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Die Armut zwingt Eltern dazu, ihre Mädchen in Klöstern unterzubringen, wo diese oft völlig anonym unter Vorgabe falscher Namen abgegeben werden. Oder man verheiratet sie so früh wie möglich. Laut einer Unicef-Statistik werden in Nepal ein Drittel der Mädchen vor ihrem 18. Geburtstag verehelicht. Und obwohl Kinderheiraten in Nepal schon seit 60 Jahren verboten sind und junge Leute erst ab dem 20. Geburtstag heiraten dürfen, sind acht Prozent der Mädchen bei der Verheiratung jünger als 15 Jahre. Wie in vielen armen Entwicklungsländern sind die Paragrafen das Papier nicht wert, auf dem sie geschrieben stehen.

Das alles rechtfertigt nichts, gibt aber ganz viel Anlass zum Grübeln. Wie immer ist Meinungsbildung komplex. Wenn man es sich nicht ganz so einfach machen will wie ein Kumari-Vater, der es für sich auf den Punkt bringt: „Tradition geht über Gefühle.“


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