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  • Joachim Materna und Ellen Kuhn

Milena Moser GEBRAUCHSANWEISUNG für ZÜRICH


Reiseführer Zürich, Milena Moser

Wenn man bereits viele Reiseführer üblicher Machart gelesen hat, muss man von diesem Buch der Schweizer Autorin Milena Moser positiv überrascht sein.

Keine Litaneien vorgekauter ToDo’s und Must’s, mit denen man sich in fast allen Städten und Ländern immer nur auf ausgetretenen Pfaden bewegt und immer denselben Reisenden an immer den gleichen Stellen begegnet.

Mit ganz viel Humor und Charme malt Milena Moser ein subtiles Bild Zürichs, durchaus durch Erwähnung und Beschreibung der Orte und Sehenswürdigkeiten, die diese Stadt natürlich auch ausmachen. Aber historische und persönliche Anekdoten gemischt mit wissenswerten Fakten generieren einen literarischen Flow, als wenn man sich mit einer ortsansässigen, guten Bekannten durch Zürich treiben lässt.

So haben natürlich Bahnhof und Bahnhofstrasse ihren Platz, natürlich auch der See, der Zoo, der Uetliberg, die Langstrasse, um nur einige wenige zu nennen, aber eben auch die Quartiere ausserhalb des Stadtzentrums, das Erlebnis des Tram-Fahrens, die Beziehung der Zürcher Administration zum Rotlichtmilieu. Und sogar dem psychiatrischen Universitätsspital ist ein Kapitel gewidmet.

Und gerade bei diesen vermeintlichen Randthemen beweist Moser ganz viel Gespür für Feinheiten und für die auf den ersten Blick nebensächlich erscheinenden Beiläufigkeiten, die aber das alltägliche Leben, den Charakter und die Animositäten dieser Stadt ausmachen.

So entsteht nach und nach ein Porträt der Zürcher Bürger, prägnant, scharf konturiert, machmal ambivalent, manchmal mit einem Augenzwinkern, manchmal urkomisch, wobei einem das Lachen auch mal schnell im Halse steckenbleibt, da man sich in vielen Charakterzügen sogar als Nicht-Zürcher selbst wieder erkennt. Wunderbar dabei auch die Profilierung des Verhältnisses der Zürcher zu den allseits präsenten Deutschen.

Ein Bonbon im letzten Kapitel sind die Stellungnahmen verschiedener Züricher (einschliesslich der Mutter der Autorin, die selbst Autorin und Psychologin ist), warum sie in Zürich leben und was Zürich für sie bedeutet. Natürlich findet sich an dieser Stelle die übliche Überstrapazierung des allseits beliebten „Heimat“-Begriffs, der im Freud’schen Sinne mehr über die in Emotionen schwelgenden Urheber aussagt. Aber da gibt es auch die gut beobachtenden, die abwägend reflektierenden und die Persönliches von Faktischem trennenden Zürcher Zeitzeugen, deren Urteile den Wert dieses Abschnittes ausmachen.

In Summe hat Milena Moser einen niveauvollen und charmanten Zürich-Reiseführer geschrieben, der sich nicht an gehetzte und getriebene Abhak-Touristen wendet, sondern für Menschen geeignet ist, die wirklich in diese schöne Stadt eintauchen wollen, weil sie vielleicht ein paar Tage länger hier bleiben oder öfter wiederkommen. Gleichzeitig ist das Buch auch eine autobiographische Liebeserklärung an diese Stadt, in der die Autorin eigentlich seit vielen Jahren nicht mehr lebt (weil sie ihren Hauptwohnsitz in die USA verlegt hat), was sie aber ganz gewiss des Vorurteils enthebt, dieses Reiseführer-Buch sei mit Scheuklappen im elfenbeinernen Turm verfasst worden.


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