Gepäck auf einer Weltreise – die Qual der Wahl
- Ellen Kuhn & Joachim Materna
- vor 31 Minuten
- 9 Min. Lesezeit

Seit vielen Jahren führen wir nach den Weltreisen unserer Kunden Feedbackgespräche und stellen dabei eine Frage, die fast zu einem kleinen Ritual geworden ist: Welche drei Tipps würden sie nach ihrer eigenen Weltreiseerfahrung zukünftigen Weltreisenden mit auf ihren Weg geben? Erstaunlicherweise fällt dabei fast jedes Mal derselbe Satz als Empfehlung Nummer eins: „Man braucht weniger Gepäck, als man vorher denkt.“ Und gerade weil diese Erkenntnis so häufig kommt, blieb uns die seltene Ausnahme im Gedächtnis, eine Kundin, die nach zwei Monaten Reise durch Asien sagte, sie habe jedes einzelne Kleidungsstück mindestens einmal getragen. Dieser Kontrast ist für das folgende Vorhaben hilfreich, weil er die eigentliche Frage freilegt. Warum liegen wir so oft daneben, wenn wir vor der Reise packen, und warum fühlt sich die falsche Menge in dem Moment trotzdem so plausibel an?
Warum wir zu viel einpacken.
Eine Weltreise ist für viele ein besonderes Vorhaben, in manchen Biografien sogar ein einmaliges. Eigene Erfahrungswerte fehlen, also greift man zu dem, was das Gehirn am liebsten tut: Es baut eine Prognose aus Vergangenem. Nur stammt dieses Vergangene oft aus dem normalen Lebensalltag, und der funktioniert nach anderen Regeln als ein Reisealltag über mehrere Monate.
Im Alltag sind wir eingebunden in Strukturen, die Anforderungen stellen. Kleidung muss passen, manchmal auch im sozialen Sinn, und das gilt je nach Beruf, Umfeld und Selbstbild besonders stark. Auf Reisen verliert vieles davon rasch an Bedeutung, manchmal schon nach dem ersten Reisetag, spätestens nach ein paar Tagen, in denen der innere Kleiderkodex Urlaub nimmt. Wer im Strandhaus auf Rarotonga drei Tage hintereinander dieselben Shorts, Flipflops und ein Lieblingsoberteil trägt, verstößt gegen keine Regel außer möglicherweise gegen die im eigenen Kopf. Es wirkt oft sogar passend, weil man merkt, dass man im „Reisemodus“ angekommen ist.
Ein weiterer typischer Denkfehler stammt oft aus dem allenthalben bekannten Urlaubsmodus. Viele vergleichen eine Weltreise unbewusst mit zwei Wochen klassischem Urlaub, in dem man kaum wäscht und lieber einmal zu viel einpackt. Auf einer längeren Reise kippt das komplett, weil Waschen Teil des normalen Ablaufs wird, mal beim Wäscheservice im Hotel, mal im Apartment, mal im Waschsalon um die Ecke. Wer das im Kopf sauber trennt, packt automatisch realistischer, weil Kleidung dann wieder zu etwas wird, das zirkuliert, statt sich anzuhäufen.
Dazu kommt ein Mechanismus, den man selten so benennt, aber viele kennen ihn. Viele packen nicht nur für Wetter und Aktivitäten, sie packen für Kontrollverlust. Das Zuviel wird zur Versicherung gegen Ungewissheit. Wenn ich X dabei habe, dann wird es schon gut gehen. Je weniger Erfahrung man hat, desto dicker wird diese Sicherheitsschicht, und der Koffer wird zur persönlichen Beruhigungsmaßnahme oder zur Sammelstelle für Eventualitäten, die in Gedanken schon längst eingetreten sind.

Identität im Koffer.
Kleidung und viele Dinge sind zudem Marker dafür, wer man glaubt, zu sein oder sein zu müssen. Im Alltag bewegen wir uns in Rollen, die sich gut eingespielt haben, im Job, im Familienleben, im Freundeskreis. Und es gibt die vertrauten Varianten von uns, die dazu passen: mal sportlich, mal geschniegelt, mal elegant, mal pragmatisch. Auf einer Weltreise verschieben sich diese Rollen schneller, als man es erwartet, und viele erleben genau das als eine der großen Freuden, weil man an jedem Ort ein wenig anders ist und plötzlich Anteile und Facetten von sich zeigt und auslebt, die im gewohnten Umfeld kaum auftauchen, einfach weil Umgebung, Menschen und Kultur andere Seiten hervorlocken. Für manche ist das sogar ein Hauptgrund, zu (welt)reisen, weil man sich aus festgefahrenen Erwartungen lösen kann und Spielraum gewinnt, sich neu zu entdecken und zu leben. Gleichzeitig entsteht dadurch manchmal auch eine leichte Irritation, weil weniger klar ist, welche Version von einem selbst gerade dran ist, und weil man merkt, wie viel Identität im Alltag über Gewohnheit geregelt wird.
In solchen Momenten wird Gepäck leicht zum Versuch, die vertraute Identität mitzunehmen. Man packt nicht nur Stoff ein, man packt ein Stück Sicherheit ein, ein Bild von sich selbst, das man kennt. Wer das bei sich bemerkt, kann es zunächst einmal freundlich zur Kenntnis nehmen. Oft genügt es, es zu erkennen, weil dann eine andere Frage möglich wird. Welche Identität darf unterwegs entstehen, wenn man weniger Dinge mitschleppt, die zum alten Alltag gehören, und mehr Raum lässt für das, was sich unterwegs verändern kann und darf?
Außerdem ist Packen erstaunlich persönlich. In kurzer Zeit zeigt sich eine Art Entscheidungshandschrift, die man auch aus anderen Lebensbereichen kennt. Da gibt es Menschen, die zügig auswählen, den Koffer schließen und innerlich damit fertig sind. Dann gibt es Menschen, die sich Zeit nehmen, weil sie bewusst kuratieren, wenige Stücke, gute Stoffe, klare Kombinationen, und dadurch entsteht eine kleine, stimmige Garderobe. Und da gibt es Menschen, die gedanklich Stationen durchgehen, Abendessen, Ausflug, Flugtag, Empfang, und mit jeder Station wächst eine kleine Zusatzidee im Koffer. Wer den eigenen Stil kennt, findet leichter das passende Maß, und das Maß ist bei jedem ein anderes. Aber vielleicht ist genau das Packen eine gute Gelegenheit, die eigenen Entscheidungsfindungsprozesse zumindest ganz kurz auf den Prüfstand zu stellen?
Der Körper sollte mitentscheiden.
Gepäck ist nicht nur Gewicht, es ist Energie. Es kostet Entscheidungsenergie,, es kostet Trageenergie, und es kostet Zeit. Jeder Ortswechsel bringt Treppen, Wege, Wartezeiten und Umsteigen mit sich, manchmal auch einen selbst organisierten Transfer, bei dem Gepäck schneller zum Hauptthema wird, als einem lieb ist. Es lohnt sich, das einmal konkret zu denken. Jedes zusätzliche Kilo bedeutet mehr Schleppen, mehr Rangieren, mehr Suchen nach Platz, mehr kleine Diskussionen mit sich selbst. Der Körper registriert jede Zusatzlast, auch wenn der Kopf sie als nebensächlich einstuft. Wer diese Rechnung zulässt, merkt schnell, dass Leichtigkeit eher ein praktischer Begriff ist. Leichtigkeit bedeutet weniger Reibung, und weniger Reibung bedeutet mehr Präsenz für das, worum es auf der Reise eigentlich geht.

Der kritische Pfad kann helfen.
Viele Weltreisende fliegen zwischendurch Business oder First, und das kann Reisen komfortabler machen. Trotzdem gibt es auf jeder längeren Route Teilstrecken in der Economy Class und regionale Flüge mit strengeren Gepäckregeln. Hier kann man mit der Kreditkarte fast bei jeder Fluggesellschaft beim Check-in Lösungen fürs Mehrgepäck finden. Aber dazu kommen Umstiege mit Gatewechseln und kurzen Transfers, und spätestens bei Hotelwechseln oder Mietwagenetappen merkt man sehr konkret, wie oft Gewicht und Volumen in die Hand genommen, verstaut und wieder ausgeladen werden müssen. Die praktischen Folgen werden also immer einmal spürbar, mehr Handgriffe, mehr Wege, mehr Wartezeit. Wer beim Packen den kritischen Pfad mitdenkt, orientiert sich an der engsten Stelle der Route, und trifft meist die bessere Entscheidung.
Man packt immer wieder.
Packen ist auf einer Weltreise kein einmaliger Akt, es wird zur wiederkehrenden Routine. An manchen Tagen hat man dafür Zeit und Ordnung, an anderen packt man frühmorgens oder zwischen zwei Etappen, und dann zeigt sich schnell, wie viel leichter ein übersichtlicher Koffer den Ablauf macht. Mit der Zeit entsteht dabei fast automatisch eine Sortierung. Dinge, die wirklich gebraucht werden, landen griffbereit und werden selbstverständlich. Dinge, die man nur deshalb eingepackt hat, weil sie sich nur vorher sinnvoll angefühlt haben, bleiben unten liegen und tauchen höchstens beim nächsten Umräumen wieder auf. Genau darin steckt das Neugewichten, das viele auf langen Reisen erleben, weil sich Relevanz nicht mehr im Kopf entscheidet, sondern im täglichen Gebrauch. Praktisch hilft dafür eine einfache Regel, die nicht viel Zeit kostet. In jedem Land, bei jeder größeren Station kann man sich fünf bis zehn Minuten nehmen und ehrlich fragen, was man seit Wochen nicht benutzt hat, was auch zukünftig keine tragende Rolle spielen wird und was deshalb gehen darf. Der Koffer bleibt übersichtlich, und der Reisealltag wird spürbar leichter.
Auf einer Weltreise ist Ordnung kein Selbstzweck, sie spart Zeit und Nerven. Ein einfaches System verhindert, dass der Koffer bei jedem Öffnen neu sortiert werden muss. Packing Cubes helfen, weil sie Kleidung in klaren Einheiten halten, und weil man schneller findet, was man sucht. Noch wichtiger ist oft ein fester Platz für die kleinen Dinge, die sonst ständig wandern, Ladekabel, Adapter, Kulturbeutel, Dokumente, Schmuck. Ein Wäschebeutel wirkt unspektakulär, macht aber einen spürbaren Unterschied, weil er Ordnung erhält, auch wenn man einmal zügiger zusammenpackt. So entsteht über die Strecke eine angenehme Konstanz, weil man seltener suchen muss, weniger umräumt, und beim nächsten Weiterziehen alles an seinem Platz ist. Alles was einen nicht nervt oder ärgert, erhöht den Reisegenuss.
Abschied, Erdung und ein Stück Vertrautheit im Gepäck.
Packen markiert einen Übergang, auch wenn es nach etwas Alltäglichem aussieht. Man schließt zu Hause eine Tür, und man öffnet eine andere, von der man noch nicht weiß, was sich dahinter verbirgt. Wenn man ehrlich hinschaut, ist Packen überraschend nüchtern. Es ist eine Reihe kleiner Ja-Nein-Entscheidungen, die später den Unterschied machen. Was kommt in den Koffer, was bleibt im Schrank, was fällt raus, obwohl ich mir dafür schon ein passendes Szenario ausgemalt habe?
Interessant ist, dass Weglassen beim Packen ein Denken in Konsequenzen erzwingt. Man sieht ein Teil und denkt an Gewicht, Volumen und an die Frage, wie oft man es wirklich in die Hand nimmt. So wird der Koffer zu einer kleinen Schule der Prioritäten. Gerade deshalb kann es sinnvoll sein, einen kleinen Gegenstand bewusst auszuwählen, der einem persönlich viel bedeutet, ohne im Koffer viel Raum zu beanspruchen. So ein Teil funktioniert wie ein privater Referenzpunkt. Man sieht es, nimmt es kurz in die Hand, stellt es im neuen Hotelzimmer an einen Platz, und es entsteht eine kleine Selbstverständlichkeit inmitten des Neuen. Es geht nicht um große Symbolik, eher um eine einfache Konstanz, die gut tut, wenn Orte, Abläufe und Eindrücke ständig wechseln. Das kann ein kleines Kissen sein, eine Figur, ein Schutzengel oder ein bestimmtes Kleidungsstück, das sich vertraut anfühlt, ohne dass es besonders aussehen muss. Wichtiger als der Nutzen ist oft die Verlässlichkeit, die so ein Teil im Vorbeigehen bietet, etwa wenn man mehrere Unterkünfte auf der Reise hat und sich immer wieder neu sortiert. Wer so etwas dabeihat, nimmt ein Stück Alltagsvertrautheit und Alltagssicherheit mit, und verhindert gleichzeitig, dass aus dem Koffer ein komplettes Zweit-Zuhause wird.

Die Illusion, alles von Anfang an dabeihaben zu müssen.
Viele glauben vor der Abreise, sie müssten bereits alles besitzen und alles dabeihaben. Diese Vorstellung wirkt vernünftig, bis man unterwegs merkt, wie viel sich problemlos beschaffen lässt, und wie sehr Einkaufen, Austauschen und Finden ohnehin zum Reisen gehören. In vielen Orten ist die Versuchung groß, sich etwas Neues zu kaufen, das zur Umgebung passt, zur Kultur, zu dem Alltag, den man dort gerade lebt. Oft ist das Teil der Erfahrung, weil das Neue dann auch zu einer zukünftigen Erinnerung wird.
Auch bei Verbrauchsgütern unterschätzen viele die Verfügbarkeit. Shampoo, Creme, Zahnpasta und Ähnliches existieren weltweit. Wer sich im Vorfeld kurz informiert, was international gut erhältlich ist, spart Platz und Gewicht, und gewinnt zusätzlich Ruhe in der Vorbereitung.
Logistik als Reiseerlebnis.
Es gibt einen praktischen Ausweg aus dem Gepäckproblem, der zugleich eine unerwartet schöne Ebene haben kann. Man kann Dinge verschicken, einmal nach Hause, einmal voraus, je nach Bedarf.
Wir hatten eine Weltreise-Familie, die aus jedem Land ein Paket nach Hause geschickt hat. Zu Hause wurden diese Pakete nach der Rückkehr geöffnet, und die Freude war jedes Mal groß. Funktion, Geschenkcharakter, Bedeutung und Erinnerung sind dabei ganz selbstverständlich ineinandergeflossen. So entsteht eine zweite Reise, die erst später stattfindet, wenn der Alltag längst wieder da ist und plötzlich ein Stück der weiten Welt darin auftaucht.
Das Versenden kann außerdem ein direkter Anlass sein, in eine Kultur einzutauchen. Das Postwesen ist in jedem Land anders, mit eigenem Tempo, eigenen Formularen und einer eigenen Logik, die man meist erst versteht, wenn man mitten drinsteht. Es kann sogar passieren, dass ein Versandprozess einem ein Land näher bringt als eine geführte Stadttour. Eines unserer eindrücklichsten Beispiele dafür war der Versuch, ein auf einem Kunstmarkt erworbenes Bild einer Künstlerin aus Rio de Janeiro nach Deutschland zu schicken. Wer nicht weiß, dass es im Kunsthandel spezielle Regeln gibt, lernt sie dann sehr gründlich kennen. Dieser Vorgang ist anstrengend und lehrreich, weil er etwas zeigt, das man sonst leicht übersieht. Kultur besteht nicht nur aus Sehenswürdigkeiten. Kultur besteht auch aus Verfahren, Formularen, Zuständigkeiten und dem Temperament, mit dem Menschen damit umgehen.
Der umgekehrte Weg kann ebenso spannend sein. Man kann sich ein Paket an einen Ort schicken, manchmal sogar einen ganzen Koffer. Auch dazu gäbe es viele Anekdoten. Eine spielt in Buenos Aires, wo wir in einem großen Postamt einen ganzen Tag verbrachten, länger als geplant, und dabei mehr Alltag mitbekamen, als wir es je für möglich gehalten hätten. Man hört Lebensgeschichten, lernt eine engelsgleiche oder buddhistische Geduld, und versteht ein bisschen mehr davon, wie ein Land im Verborgenen so tickt.
Die leichteste Packliste beginnt auf der Landkarte.
Es gibt eine Stellschraube, die viele unterschätzen, weil sie vor dem Packen beginnt. Die Route bestimmt, wie viel Gepäck man braucht. Wer zwischen Wintergürtel und Sommergürtel pendelt, oder zwischen Minusgraden und dreißig Grad hin und her springt, wird zwangsläufig mehr mitnehmen. Jacke, Layer, Schuhe, Thermokleidung, und plötzlich wird aus einem Koffer eine Kompromissmaschine. Wer eine Reise so plant, dass sie überwiegend in einem Klimakorridor bleibt, spart Gewicht und reduziert Komplexität.

Ein paar handfeste Prinzipien, die wirklich helfen.
Neben einer Weltreisepackliste als Inspiration und einer Übersicht zu Medikamenten für die Reiseapotheke gehört auch das Testpacken zu den praktischen Klassikern. Wer das macht, erlebt meist zunächst einen kleinen Schock und dann eine große Erleichterung.
Dazu kommt das Prinzip der Kombinierbarkeit und der Multifunktionskleidung. Auf Weltreisen ist es ein Vorteil, wenn Kleidung sich vielfältig kombinieren lässt und wenn einzelne Teile mehrere Rollen abdecken. Ein Paar Sportschuhe, das auch zu einem guten Restaurantabend passt, kann tatsächlich ein Paar Schuhe ersetzen. Wenige Oberteile, die sich gut abwechseln lassen, kombiniert mit einer Hose, die dadurch sehr wandlungsfähig wird, sind oft wertvoller als ein ganzer Stapel Speziallösungen.
Loslassen gehört dazu.
Auf Reisen dürfen Dinge einen auch verlassen. Vor allem auf Routen durch Entwicklungsländer kann das Weitergeben von Kleidung eine echte Freude sein, weil es unmittelbar hilft und oft sehr dankbar angenommen wird. In solchen Momenten merkt man, dass Besitz unterwegs eine andere Qualität bekommt. Er wird Beziehung, manchmal sogar ein kleines Stück Verbundenheit.
Die meisten lernen das Thema Gepäck erst unterwegs, und das ist in Ordnung. Weltreisen sind kein Ort, an dem man vorher alles richtig machen muss. Sie sind ein Ort, an dem man schneller als sonst spürt, was einen ausbremst. Wer leichter reist, gewinnt Platz im Koffer, Kapazität im Kopf und Energie im Körper. Leichtes Gepäck wirkt am Ende wie ein Packprinzip, das auch eine Haltung formt, weil es Vertrauen in Improvisation, in den eigenen Körper und in die Welt voraussetzt.
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