top of page

Mauritius – zu schön, um wahr zu sein?

  • Autorenbild: Joachim Materna & Ellen Kuhn
    Joachim Materna & Ellen Kuhn
  • vor 2 Tagen
  • 7 Min. Lesezeit

Mauritius, Warum Mauritius? Mauritius Tipps, Highlights Mauritius, Höhepunkte Mauritius, Geheimtipps Mauritius

Mitten im Indischen Ozean, weit draußen zwischen Afrika und Asien, liegt die Insel Mauritius. 1.700 Kilometer sind es bis zum afrikanischen Festland. Da müsste man ganz schön lange schwimmen, aber zum Glück liegt auf etwa der Hälfte der Strecke die fast dreihundertmal so große Insel Madagaskar, eine gute Gelegenheit für eine kurze Rast. Aber wieso sollte man überhaupt von Mauritius wegwollen?


Wie so viele tropische Paradiese wird Mauritius auf Hochglanzprospekten gerne auf zwei Dinge reduziert: Lagunen in allen Blautönen und Palmen, die sich im Wind wiegen. Austauschbar, denken Sie? Richtig. Aber wer hier ankommt, merkt schnell, dass Mauritius kein Postkartenmotiv voller Klischees ist – sondern ein einzigartiger Schmelztiegel an Menschen, Religionen, Sprachen, Landschaften, Kulinarik und Musik. Und vielleicht ist es gerade deshalb eine Insel, die man nicht nur besuchen, sondern auch spüren und verstehen sollte.


Ureinwohner gab es hier nie wirklich. Mauritius war lange unbewohnt, gelegentlich nur von arabischen Seefahrern gestreift, bis die Europäer kamen – und blieben. Und das überwiegend recht lange. 93 Jahre die Portugiesen, 112 Jahre die Niederländer, 98 Jahre die Franzosen und zuletzt für 150 Jahre die Briten, bevor Mauritius 1968 die Unabhängigkeit erlangte. Jede Kolonialmacht hinterließ ihre Spuren, ihre Namen, ihre Narben. Die Niederländer waren es, die die Insel nach ihrem Prinzen Moritz von Oranien „Mauritius“ tauften – ein Name, der bis heute Bestand hat. Die Franzosen unternahmen irgendwann später den Versuch, sich im Namen der Insel zu verewigen, und nannten sie „Île de France“, was im offiziellen wie inoffiziellen Leben allerdings heute nur eine Nebenrolle spielt. Andererseits ist Mauritius trotz der darauf folgenden langen britischen Kolonialzeit kulturell erstaunlich französisch geblieben. Vielleicht, weil die Briten – ganz im Sinne der royalen Höflichkeitsetikette – nur wenig in die bestehenden Strukturen eingriffen. Französisch blieb die Sprache der Oberschicht, der Medien, der Kultur. Englisch wurde Verwaltungssprache, Parlamentssprache. Und im Alltag? Da spricht man mit Leib und Seele Morisyen.


Morisyen ist eine auf dem Französischen basierende Kreolsprache, sympathisch, lebendig und herzlich. Fast jeder spricht sie, über 86 Prozent sogar als Muttersprache. Es gibt Bestrebungen, ihr endlich einen offiziellen Status zu geben – längst überfällig, möchte man sagen. Denn Morisyen ist das, was Mauritius im Innersten zusammenhält, indem es den Menschen eine verbindende, gemeinsame Identität vermittelt. Genau das scheint notwendig, wenn man die unglaubliche Diversität an Abstammungen unter den heutigen Inselbewohnern betrachtet.


Port Louis Mauritius, Markt Mauritius, Sehenswürdigkeiten Mauritius, 10 Things to do Mauritius, 10 Geheimtipps Mauritius, Mauritius Urlaub, Mauritius Reise, Reisetipps Mauritius

Rund zwei Drittel der Menschen stammen vom indischen Subkontinent. Rund ein Viertel sind Kreolen, also Nachfahren von Sklaven aus Afrika und Madagaskar. Die Gruppe der Menschen mit französischen und chinesischen Wurzeln ist vergleichsweise klein, aber gefühlt überall präsent. Allerdings scheint sich der Anteil an europäischen Einwohnern kontinuierlich zu vergrößern, nicht zuletzt durch die guten staatlichen Rahmenbedingungen für Expats und Rentner. 

Entsprechend des hohen Anteils an Indomauritiern ist der Hinduismus bei knapp der Hälfte der Bevölkerung die am weitesten verbreitete Religion. Tempel, Räucherstäbchen, Opfergaben – sie gehören einerseits ebenso zum Straßenbild wie andererseits auch Kirchen, Moscheen und Pagoden. Christentum, Islam, Hinduismus, Buddhismus – Mauritius lebt religiöse Vielfalt mit einer Selbstverständlichkeit und Friedfertigkeit, dass man die Politiker und Ideologen dieser Welt gerne einmal hierher einladen würde, um zu beweisen: Es geht. Und zwar richtig gut. Die religiöse Toleranz und Akzeptanz geht sogar so weit, dass eigentlich jeder die Feiertage des anderen mitfeiert. Da gerade immer irgendeine Religion einen Feiertag hat, ist folgerichtig fast immer Feiertag.


Man kann nur vermuten, dass das alles Gründe dafür sind, warum Mauritius heute als stabilste Demokratie Afrikas gilt. Laut verschiedenen Indizes ist es sogar der demokratischste Staat des Kontinents. Ein kleines Land ohne Militär, dafür mit einer paramilitärischen Spezialeinheit, mit einem der höchsten Pro-Kopf-Einkommen Afrikas und mit einer erstaunlichen politischen Ruhe in einer – schaut man zum Beispiel auf die Nachbarinsel Madagaskar – oft unruhigen Region.

Vielleicht ist es aber teilweise auch so wie unter Verwandten: man streitet sich am wenigsten, wenn man Abstand hält. Neben der gerade einmal 64 mal 47 Kilometer kleinen Hauptinsel wohnen Mauritius-Staatsbürger auch auf Rodrigues (etwa 560 Kilometer entfernt), den Cargados-Carajos-Inseln (430 Kilometer), den Agalega-Inseln (1.000 Kilometer) und dem Chagos-Archipel (1.600 Kilometer).


Die Hauptinsel strebt eher in die Höhe. Der höchste Berg, der Piton de la Petite Rivière Noire, misst eine Höhe von stattlichen 828 Metern. Daneben stehen überall auf der Insel typische kleine Bergkegel herum, die Überreste erloschener Vulkane. Der berühmteste Berg ist der Le Morne Brabant, der zu einem Wahrzeichen der Insel geworden ist, da er sich einen exponierten Platz auf einer Landzunge am Meer gesichert hat. Und weil er eine tragische Geschichte in sich trägt. Im 19. Jahrhundert suchten zahlreiche entflohene Sklaven Zuflucht auf dem Le Morne Brabant. Am 1. Februar 1835 wurde im Zusammenhang mit der Abschaffung der Sklaverei auf Mauritius eine Polizeiexpedition mit der freudigen Nachricht auf den Berg entsandt. Aus Angst vor einer erneuten Gefangennahme missverstanden viele der dort lebenden Sklaven diese Maßnahme und stürzten sich in ihrer Verzweiflung vom 493 Meter hohen Berg in den Tod. In Erinnerung an dieses tragische Ereignis wird der 1. Februar in der kreolischen Gesellschaft auf Mauritius bis heute als Gedenktag zur Abschaffung der Sklaverei begangen. Kein rundum schöner, sondern irgendwie auch ein zwiespältiger Anlass, aber ja, wieder ein Feiertag.


Nationalparks Mauritius, Warum Mauritius besonders? Schönste Strände Mauitius, Wandern Mauritius, Hiking Mauritius

Und wenn wir schon bei den Tragödien dieser Insel sind, gibt es noch zwei weitere bewegende Geschichten.


Die eine spielte sich vor der Küste des kleinen Ortes Poudre d’Or ab. Hier sank 1744 das französische Schiff Saint-Géran. Über 200 Menschen kamen ums Leben. Ob darunter wirklich eine junge Frau namens Virginie war, ist eher zweifelhaft. Aber das Ereignis inspirierte den Schriftsteller Bernardin de Saint-Pierre zu seinem Roman „Paul et Virginie“. Paul und Virginie wachsen als Kinder von alleinerziehenden Müttern in einer idyllischen, unberührten Natur auf Mauritius auf. Virginie wird von einer reichen Tante nach Frankreich gerufen, um eine standesgemäße Erziehung zu erhalten. Bei der Rückkehr nach Mauritius zerschellt ihr Schiff, eben die Saint-Géran, in einem heftigen Sturm vor der Küste. Virginie ertrinkt, weil sie sich weigert, ihre Kleidung abzulegen, um gerettet zu werden. Paul stirbt daraufhin an gebrochenem Herzen. Ein Marmor-Denkmal des Paares in dem kleinen Ort erinnert an das Drama.


Die dritte Geschichte der Insel ist nicht minder traurig. Um das Jahr 1690 verschwand der Dodo. Für immer. Der Dodo war eine riesige, flugunfähige Taube, die ein Gewicht von 20 Kilogramm erreichen konnte. Das Tier hatte keine natürlichen Feinde und lebte auf Mauritius ein Leben in Frieden und Beschaulichkeit. Vielleicht spiegelte sich das auch in seiner überlieferten Mimik wider, die immer ein Lächeln auszudrücken schien. Mit den Menschen kamen aber andere Tiere wie Ratten, Schweine und Affen auf die Insel. Schweine zertrampelten die Nester, während Ratten und andere Tiere die Eier und Küken fraßen. Und davon gab es nicht viele, da der Dodo immer nur ein Ei legte. Er hatte nie irgendeinen Fluchtinstinkt entwickelt, weil er so etwas ja nie brauchte, sondern er begrüßte alle, auch seine Feinde, mit seiner ungetrübten Freundlichkeit. Heute ziert er das Wappen der Insel, vielleicht ein Hinweis darauf, dass grenzenlose Gutmütigkeit schnell zum Nachteil werden kann.


Dodo Mauritius, Tierwelt Mauritius, Besondere Tiere Mauritius, Riesenschildkröten Mauritius, Flughunde Mauritius

Eine andere seltene Tierart lebt heute noch auf Mauritius - die Maskarenen-Flughunde. Es ist absolut faszinierend, zu beobachten, wie sie wie riesige Fledermäuse in den Bäumen hängen, um sich im nächsten Augenblick mit der Anmut von Falken oder Adlern vom Aufwind durch die Täler des Black-River-Gorges-Nationalparks treiben zu lassen. Aber auch die Neuzeit wartet mit Dramen auf.  Weil sie Mangos und Litschis fressen, wichtige Exportgüter, beschloss die Regierung 2015, zwanzig Prozent der Tiere töten zu lassen.


Mauritius ist wirtschaftlich erfolgreich. Zuckerrohr prägt noch immer große Teile der Landschaft, daneben Textilindustrie, Banken, Dienstleistungen, Tourismus. Über eine Million Besucher kommen jedes Jahr. Das hat der Insel und damit einem Großteil der Einwohner einen gewissen Wohlstand gebracht. Die Blech- und Holzhütten verschwinden mehr und mehr. Drei Metropolen mit mehr als 100.000 Einwohnern sind entstanden. Überall finden sich moderne Häuser, moderne Autos, eine gute Infrastruktur mit modernen Kliniken.


Ein guter Repräsentant für diese Entwicklung ist Port Louis, Hauptstadt mit Herz und Chaos. Auf 47 Quadratkilometern leben knapp 150.000 Menschen – tagsüber werden es fast doppelt so viele. Wochentags bestimmen Pendlerströme, Autoschlangen, hupende Busse und schreiende Menschen das Stadtbild. Die 2020 eingeweihte moderne Metro-Express-Bahn fährt über etwa 30 Kilometer durch Stadt und Umland, konnte aber bislang am Verkehrschaos nicht wirklich etwas ändern.

Neben der zentralen Markthalle war das Stadttheater einmal der kulturelle Stolz der Insel, ist derzeit jedoch wegen Renovierung geschlossen. Man mag es kaum glauben, aber hier steht tatsächlich eines der ältesten Opernhäuser der Südhalbkugel, erbaut um 1820. In der französischen Zeit blühte die europäische Musiktradition, später geriet sie in Vergessenheit. Doch seit einigen Jahren gibt es Versuche, die Oper zurückzubringen. Carmen, La Traviata, Orphée aux Enfers – große Werke, die hier bereits aufgeführt wurden und die wieder auf die kleine Insel zurückkehren sollen. Ein schöner Gedanke.


Musikalisch klingt die Insel heutzutage aber meist anders. Neben internationaler Popmusik und Reggae gibt es immer noch den Sega, den traditionellen Tanz, einst entstanden unter geflohenen Sklaven im Inselinneren. Getanzt nachts, im Verborgenen, am Feuer. Heute ist Sega im Alltag und auf Festen jeder Art allgegenwärtig – ein Rhythmus, der aus Schmerz geboren wurde und doch Stolz und Lebensfreude ausstrahlt. Aber manchmal dient der sagenumwobene und berühmte Tanz auch nur dem Amusement der Touristen.


Ein winziges kleines Stück Papier hat Mauritius schon vor vielen Jahren berühmt gemacht. Selbst Menschen, die keine Vorstellung haben, wo die Insel liegt, haben schon von der legendären „Blauen Mauritius“ gehört. Fast alle bekommen glänzende Augen, wenn sie erfahren, wie viel eine Briefmarke wert sein kann. Mit ihrem blauen Aufdruck, dem Profil von Königin Victoria und dem „Post Office“-Schriftzug existieren nur noch etwa 12 Exemplare. Sie gilt als Kronjuwel der Philatelie und hat auf Auktionen teilweise über eine Million Euro erzielt, vor allem mit dem originalen Bordeaux-Brief. Man kann eine der verbliebenen Marken tatsächlich anschauen. Im Blue Penny Museum an der Waterfront von Port Louis werden die Blaue und die Rote Mauritius immer 15 Minuten nach der vollen Stunde im hochgesicherten Schaukasten für 10 Minuten beleuchtet. Dazwischen gibt es immerhin Repliken zu sehen.


Blaue Mauritius, wertvollste Briefmarke der Welt, teuerste Briefmarke der Welt, beste Briefmarke der Welt

Ach ja. Und dann gibt es da ja wirklich noch die Lagunen in allen Blautönen und Palmen, die sich im Wind wiegen. Die schönsten Strände auf Mauritius verteilen sich über die ganze Insel. Le Morne Beach, Flic en Flac, Tamarin Bay, Trou aux Biches, Mont Choisy, Pereybere, La Cuvette, Île aux Cerfs, Belle Mare, Blue Bay, St. Felix Beach. Und die vielen kleinen, namenlosen, wenig bekannten.

Am Schluss eines solchen Blogs kommt eigentlich immer eine Zusammenfassung. Aber Mauritius kann man nicht zusammenfassen. Alles bis hierher ist die Zusammenfassung von Mauritius. Vielleicht ist Mauritius deshalb nicht einfach nur ein Traumziel. Sondern ein Ort, der Fragen stellt. Über Herkunft. Über Zusammenleben. Über das Leben an sich. Und wenn man es zulässt, über das, was bleibt, wenn man genauer hinsieht als bis zum Rand der Lagune.


© Travel-Edition


Und hier gibt es noch weitere Impressionen und Informationen zu Mauritius:


 
 
 

Kommentare


© 2015 - 2026 by Ellen Kuhn & Dr. Joachim Materna

bottom of page