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  • Ellen Kuhn & Dr. Joachim Materna

KünstlerInnen auf Barbados - Teil 3: im Gespräch mit Neville Legall

Aktualisiert: 19. Apr.



Auf den ersten Blick wird Neville Legall jedem Klischee gerecht, das man von einem Maler auf Barbados haben könnte. Ein dunkelhäutiger Bajan (so nennt man die Einheimischen, die schon seit Generationen auf diesem Eiland verwurzelt sind), dessen eher scheue, aber zu jedem Zeitpunkt hellwache und intelligente Augen unter seiner Rasta-Frisur hervorblitzen. Mit einer einladenden Armbewegung begrüßt er uns in seinem Zuhause, das genau dem entspricht, was man sich als vier Wände eines kreativen Geistes vorstellt. Farbtöpfe und Farbpaletten über die äußeren Räume verteilt. Überall Pinsel in jeder Größe. An den Wänden und auf dem Boden fertige, halbfertige und gerade erst angefangene Bilder neben noch weißen Leinwänden. Irgendwo dazwischen eine Staffelei mit einem eher kleinen Exemplar einer Landschaftsmalerei. Eine akustische Gitarre griffbereit im Ständer, gleich gegenüber ein doppelstöckiges elektrisches Piano. Auf einem kleinen Tischchen davor der aufgeklappte Laptop, umrahmt von Dokumenten-Stapeln. Eine Musikanlage mit mehreren Boxen zwischen Manhattan ähnlichen CD-Türmen. Dennoch kommt nie der Eindruck von Chaos auf. Sitzt man auf den gemütlichen Sofas und Sesseln, hat man das Gefühl, dieser Mann beherrscht das alles, das ist sein Reich, sein Rahmen, seine Basis. Genauso muss es für ihn sein und nicht anders.

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Neville Legall © travelART by Ellen

Dass sich alles irgendwie ineinander fügt, hat Neville „Oluyemi“ Legall schon oft in seinem Leben erfahren. Aber nicht immer von alleine. „Never quit“, „Gib niemals auf“ ist ein Motto, das er gut sichtbar aufgehängt hat. Im Alter von 12 Jahren wurde sein Interesse für Kunst und Zeichnen geweckt. Bereits 1984, im Alter von dann 19 Jahren, hatte er seine ersten Ausstellungen. Es folgten so viele, dass er sich gar nicht mehr an alle erinnern kann, ebenso diverse Preise und Auszeichnungen. Heute hängen seine Bilder in Großbritannien, Kanada, Deutschland, Kuba und in den USA.

Kunstkenner sagen, „Legalls Arbeiten in Öl und Aquarell fangen die Essenz des karibischen Insellebens und der Kultur ein, sein opulentes Licht und seine strahlenden Farben. Seine Arbeit erforscht die Formen, Farben und Texturen der ländlichen Landschaft, ihrer schroffen Hügel und Dorfszenen.“ Aber da ist auch der nachdenkliche Neville. Ein Künstler, der sich, seine Malerei und sein Leben hinterfragt und über den so viel Philosophisches geschrieben wurde, dass man sich schier darauf freut, ihm Fragen zu stellen und auf Antworten zu hoffen, die vielleicht anders sind. Die die Tiefe seiner Seele und seines Geistes widerspiegeln.


In Deiner Mail-Signatur unterschreibst Du mit Neville "Oluyemi" Legall. Was bedeutet „Oluyemi“?

Es gab in meinem Leben zwei Einflussfaktoren, weshalb ich begann, diesen zusätzlichen Namen zu nutzen. Als ich vor vielen Jahren Nachforschungen zu meinen genetischen Wurzeln anstellte, kam ich auf Vorfahren in Nigeria. Bei dieser Suche stieß ich in einem Buch zum ersten Mal auf den nigerianischen Namen ‚Oluyemi‘. Er bedeutet ‚Erfüllung von Gott‘. Als ich diesen Namen und seine Bedeutung las, spürte ich, wie passend er für mich und mein Leben war. Ich hatte immer schon ein Bewusstsein für das Göttliche. Manchmal im Leben scheinen die Dinge gegen mich zu arbeiten, aber doch erfüllt sich immer das, was sein soll. Ich selbst war nie in Afrika, in der Tat bin ich sehr stolz darauf, karibisch zu sein. Die karibische Kultur hat eine sehr lange Geschichte und viele Einflüsse, afrikanische, indische und viele mehr. Diese Geschichte hat mich geprägt, deshalb fühle ich mich eher als Bajan und nicht als Afrikaner. Aber letztendlich gibt es noch einen anderen Grund, weshalb ich mir diesen Zweitnamen gegeben habe. 1987 wurde ich eingeladen, an einem internationalen Projekt in Detroit teilzunehmen. Das Projekt zielte darauf ab, karibische und afrikanische Künstler zusammenzubringen, ich repräsentierte die Karibik. Künstler aus Ghana, Nigeria, Kamerun und vielen weiteren Ländern waren vertreten. Die sieben Wochen waren absolut faszinierend für mich. Diese Gemeinschaft war sozusagen eine ‚Black Community’ und sie wurde wie eine Familie für mich. Das war für mich der letzte Anstoß, den Namen ‚Oluyemi‘ hinzuzufügen. Es passte zum damaligen Lebensgefühl, aber ich trage ihn auch heute noch ganz bewußt.

Kommen wir zu Deiner Kunst. Denken wir an Deutschland im Winter, so ist alles eher trist, grau, braun, düster. Die Farben fehlen. Welche Bedeutung haben die Farben für Dich? Vor allem an einem Ort wie Barbados, wo diese eigentlich immer im Überfluss zu finden sind?

(Schmunzelt) Ich war schon mal in Deutschland vor vielen Jahren. Ich bin durch einige europäische Länder wie England, Frankreich, Österreich gereist. In Deutschland war ich im Schwarzwald. Von dieser Reise habe ich noch eine Kuckucksuhr, leider funktioniert sie nicht mehr (lacht).

Bereits 1984, als ich begann, mit meinen Bildern an Ausstellungen teilzunehmen, erreichten mich stets Kommentare, dass meine Bilder sehr farbenfroh sind. Ich malte in der Schule einmal einen Baum komplett in Rot. Ein Mitschüler fragte mich, warum ich denn den Baum rot male. Da zeigte ich nach draußen und tatsächlich hatte der Baum in der Ferne einen leichten Rotschimmer. Ich sehe diese Farben und ich liebe sie, sie fühlen sich gut an. Manchmal sind die Dinge gar nicht so farbintensiv, wie ich sie male, aber ich habe das Gefühl, dass intensivere Farben gewisse Objekte besser repräsentieren, alles deutlicher machen, besser zu ihnen passen. Deshalb verändere ich beim Malen ein bißchen die Wirklichkeit. Oft wurde mir schon unterstellt, Lila wäre meine Lieblingsfarbe, weil sie angeblich so oft in meinen Werken auftaucht. Aber das sehe ich nicht so, jede Farbe ist wunderschön für mich. Gelb, Orange und Rot mag ich mindestens ebenso. Wenn ich male, versuche ich immer die Farben auszubalancieren, das ist eigentlich das Entscheidende, nicht die einzelne Farbe. Ich weiß nicht genau, wie ich dazu komme, aber eine balancierte, interessante Gesamtkomposition ist dabei das höchste Ziel. Die Farbe ist dabei nur ein Bestandteil oder eine Facette. Natürlich sind mir darüber hinaus auch die Motive wichtig. Viele meiner aktuellen Werke sind Landschaften und Ausschnitte aus dem täglichen Leben. Oft betrachte ich diese Realität und dann sehe ich, dass der Baum eigentlich nicht rechts stehen sollte, sondern links und dass das Haus farblich ein bisschen anders aussehen muss, um die Balance zu erreichen, die ich im Inneren spüre. Für mich darf keine Dominanz eines Objektes herrschen, sondern entscheidend ist die Ausgeglichenheit, die Harmonie.

Und wenn diese Balance nicht auf Anhieb erreichbar ist?

Manchmal werde ich frustriert, wenn ich die Balance nicht erreiche, die ich suche (lacht). Dann mache ich eine Pause. Es bringt nichts, wenn man sich verbeißt. Dann trete ich einen Schritt zurück und schaue einen Film, lese ein Buch, mache Musik oder gehe spazieren. Dann schaue ich später oder irgendwann nochmals auf das Bild und manchmal sehe ich dann, wie es weiter gehen kann. Nicht jeder Tag ist gleich. Ein paar Tage später ist man vielleicht selbst in einer ganz anderen Verfassung und plötzlich ist das Bild besser, ohne dass man daran etwas verändert hat. Die Stimmung und Verfassung sind sehr entscheidend für mich. Wenn ich beginne, ein Bild zu malen, bin ich immer aufgeregt. Im Prozess spüre ich dann, dass es noch nicht fertig ist, dass etwas fehlt. Hier zum Beispiel (deutet auf ein Bild über der Couch), hier fehlen noch Details an den Häusern, es fehlen ein paar Menschen hier und da. Ich spüre, wenn ein Bild fertig ist. Erst wenn ich hier drin (deutet auf seinen Bauch) spüre, dass ich zufrieden bin, dann ist es fertig.

Wenn es geht, versuche ich in einer entspannten Verfassung zu malen. Die Welt ist voller grausamer Dinge. Es gibt Krieg, Hunger, Armut, Leid, Depression. Es gibt viele Künstler, die diese Themen in ihren Werken verarbeiten. Aber ich denke, mit diesen Themen beschäftigen sich Menschen täglich über die Nachrichten. Ich will den Menschen mit meiner Kunst zeigen, dass es auch noch etwas anderes gibt, anstatt sie auch noch in meiner Kunst an diese Grausamkeiten zu erinnern. Ich will die Realität absolut nicht verdrängen, aber ich will den Menschen eine Alternative bieten und sie über meine Kunst glücklich und friedlich machen.

Du malst Szenen des täglichen Lebens. Was ist das Besondere an Routine, an Alltag? Wir Menschen (vor allem in der westlichen Welt) streben oft raus aus dem Alltag, suchen nach Abenteuer, nach dem Besonderen. Ist für Dich das Ausbrechen aus einer Routine überhaupt attraktiv, ein Antrieb? Und falls nicht, weshalb nicht?

Ich wurde auf einer Plantage in St. Thomas hier auf Barbados geboren. Meine Mutter arbeitete auf der Farm und auch mein Großvater hatte davor auf einer Plantage gearbeitet , aber beide nicht mehr als Sklaven, denn die Sklaverei wurde auf Barbados 1834 abgeschafft. Die Farm, auf der ich meine Kindheit verbrachte, hatte keinen Strom und auch kein Wasser. Fünf bis zehn Minuten zu Fuß von dieser Farm gab es eine Wasserleitung, zu der aus dem Umkreis viele Frauen kamen, um Wasser zu holen. Sie füllten es in einen großen Krug, den sie auf ihren Kopf stellten. Rechts und links trugen sie außerdem noch Körbe in ihren Händen. Mich faszinierte es, wie diese Frauen keinen einzigen Tropfen Wasser verschütteten, während sie die vielen Sachen nach Hause brachten, denn ich und meine Freunde verschütteten schon das ganze Wasser bei dem Versuch, ein Gefäß auf den Kopf zu stellen. Ähnliches empfand ich, wenn am Samstag alle auf dem Markt waren, um einzukaufen. Vollbepackt trugen die Frauen die vielen Einkäufe nach Hause. Aber auch andere alltägliche Szenen mochte ich. Auf der Farm hatten wir Pferde und Esel, die Karren hinter sich her zogen. Als Kinder sprangen wir auf die Karren und wussten genau, wenn der Reiter mit der Gerte schlug, mussten wir schnell abspringen, sonst drohten wir herabzufallen. Diese Momente sind für mich wunderbare Erinnerungen und vielleicht der Grund, warum ich das Landleben immer noch so liebe. Wenn ich mit meiner Staffelei da draußen unterwegs bin, mich irgendwo hinsetze und das einfange, was ich sehe und wie ich es sehe, dann habe ich alles, was ich brauche.


Das Leben in den letzten Jahren hat sich auf Barbados allerdings verändert, sagen viele. Siehst Du das auch so?

Das ist richtig. Der starke Zusammenhalt aus dieser Zeit fehlt mir heute etwas. In meiner Kindheit kamen die Nachbarskinder beispielsweise alle zum Essen vorbei, man kannte jeden Nachbar, man kümmerte sich umeinander. Seit 26 Jahren lebe ich mit meiner Frau in diesem Haus hier, aber viele der Nachbarn kenne ich nicht mehr. Barbados verändert sich auch kulturell, es wird amerikanisiert, es wird oberflächlicher und distanzierter. Manche sagen auf der Straße nicht einmal mehr ‚Hallo‘.

Immer mehr Menschen sind heutzutage sehr unzufrieden mit ihrem Leben, hier auf der Insel, aber auch überall auf der Welt. Ich hatte solch einen Moment vor fast 25 Jahren, als ich an einer Schule unterrichtete. Eigentlich liebe ich es, Wissen weiterzugeben. Es lag auch nicht an den Studenten, aber damals spürte ich, dass es mich nicht mehr erfüllte. Ab da konzentrierte ich mich nur noch auf meine Malerei und heute kann ich zum Glück von ihr leben. Viele Künstler gehen ins Ausland, um mehr Geld zu verdienen, aber sie sind dadurch nicht glücklicher. Oder ich schaue mir die Menschen in meinem Umfeld an, die große Häuser, teure Möbel, immer das neuste Auto haben. Sie nehmen meistens einen Kredit dafür auf, sie versklaven sich in ihre Schulden. Oder ich sehe junge und ältere Menschen, die all ihr Geld sammeln, um irgendwann später einmal ihre Lebensträume zu verwirklichen. Viele von ihnen sterben, bevor ihre Herzenswünsche realisiert werden können und das ganze Geld bleibt anderen Menschen, die dann wiederum mehr davon anhäufen. Arme und Reiche sterben alle und dann muss sich doch jeder fragen, was habe ich von meinem Leben gehabt, wann habe ich es genossen, wie oft war ich wirklich glücklich.

Ich glaube, ich kann wirklich sagen, dass ich zufrieden bin mit meinem Leben, denn irgendwann habe ich mich entschieden, mich nicht vom Geld antreiben zu lassen. Es ist mir nicht vollständig egal, denn man braucht es, um zu leben, aber ich brauche mich nicht mehr und mehr zu bereichern. Was mich antreibt, ist ein tolles Bild zu malen, mehr nicht.

Insgesamt gesehen bin ich gerne hier auf Barbados, aber ich liebe auch das Reisen, es inspiriert mich. Aber ehrlicherweise vermisse ich Barbados sofort. Nach zwei Wochen bekomme ich unglaubliches Heimweh (lacht herzlich). Wenn ich dann bei der Heimkehr aus dem Flugzeug die Insel sehe, erfasst mich ein Gefühl positiver Aufregung, das ist meine Freude, wieder zu Hause zu sein.

In einem Artikel schreibt ein Autor über Dich, dass Du teilweise ein Barbados einfängst, das in der Realität mit den vielen modernen Bauten aus Beton eigentlich „verloren“ geht. Welche Bedeutung hat die Tradition im Vergleich zur Moderne, die Vergangenheit im Verhältnis zur Zukunft?

In meiner Kindheit gab es auf Barbados viele sogenannte Chattel-Häuser. Die waren sehr praktisch, denn man konnte sie überall hin transportieren. (Chattel House ist eine barbadische Bezeichnung für ein kleines bewegliches Holzhaus, das ohne Nägel erbaut wurde und deshalb schnell zerlegbar war, wenn der darin wohnende Arbeiter das Mietrecht für das Grundstück verlor, weil er einen anderen Arbeitgeber suchen musste). Sie stehen für das frühere Barbados, leider sind nicht mehr all zu viele übrig. Sie haben wirklich noch Charakter, sie haben Schönheit. Viele dieser Chattel-Häuser tauchen auch heute noch in meiner Malerei auf. Würde man mich heute bitten, eines dieser sterilen, technischen Beton-Bauten zu malen, die man als ‚modern‘ bezeichnet, ich würde sie anders malen, sodass sie nicht mehr so ‚mechanisch' wirken oder ich würde einen anderen Künstler empfehlen, dem diese Art der Darstellung näher liegt. Ich höre immer wieder diesen Spruch ‚Es ist nichts beständiger als der Wandel‘. Wir können nicht in die Vergangenheit zurückkehren, sie ist vorbei. Aber nichts hindert uns daran, vergangene Elemente in die Gegenwart zu integrieren. Wenn man beispielsweise über Zeitgenössische Kunst nachdenkt, so gibt es gemäß Kritikern eine bestimmte Art, wie diese zu sein hat, sie muss beispielsweise abstrakt sein. Man könnte sagen, das ist die aktuelle Sicht auf Kunst. Aber sie ist nicht richtig oder falsch. Sie ist nur eine Sicht auf die Dinge. Ich stecke nicht in der Vergangenheit fest, sondern nutze sie, um sie in die Gegenwart zu tragen. Jüngst habe ich einige Naturlandschaften gemalt. Die Natur bleibt. Sie wird uns überdauern. Sie war schon da als ich ein Kind war und wird noch da sein, wenn ich sterbe. Sie ist Vergangenheit und Zukunft zugleich.

Deine Bilder in Acryl sind allesamt fast surrealistisch, kubistisch während die Aquarelle und Öl-Gemälde eher impressionistisch sind. Welche Rolle spielt das Harte, Geradlinige und das Verträumte, Weiche in Deinen Bildern und wie hat sich das entwickelt?

Als ich jung war, lernten wir in der Kunst viel über die Renaissance. Die Künstler malten dort sehr realistisch, sehr detailgetreu. Früher dachten wir, dass das die Definition, der Inbegriff von ‚Kunst‘ war. Dann brachte uns unser Lehrer Büchern über den Impressionismus, aber auch abstrakte Künstler wie Picasso und den Kubismus. Als Schüler dachten wir damals, das, was die Künstler der Renaissance machten, ist viel schwieriger, abstrakte Kunst kann doch eigentlich jeder. Aber dann dachte ich, wenn jemand so malt, dann ist es doch auch Kunst. Also begann ich Bücher über Cézanne und Picasso zu lesen und über die Kubisten. Ich wollte verstehen, was sie antrieb, warum sie malten, wie sie malten, um es selbst zu adaptieren. Ich begann damals mit verschiedenen Stilen zu experimentieren. Wenn ich einen Künstler sehr bewundere und ihn als Vorbild betrachte, dann ist es Cézanne. Seine Kompositionen faszinieren mich. In Bezug auf die Farben fand ich immer schon Van Gogh sehr inspirierend.

Als 1985 meine erste Ausstellung mit 56 meiner Werke aus verschiedenen Kunstrichtungen stattfand, war ich erstaunt über die Resonanz. Meine Experimente zum Kubismus und Surrealismus kamen unglaublich gut an, dabei machte ich das eigentlich nur für mich, um meinen Stil zu finden und stand damals gar nicht so dahinter. Auch heute probiere ich immer wieder Neues aus (deutet auf ein Landschaftsbild, das mit surrealistischer Farbgebung spielt). Aber dann male ich wieder gewohnte Motive. Das Experimentieren bereichert meine Werke immer. Aktuell arbeite ich an einem ‚Mural‘ (Wandmalerei) an der University of the West Indies, es beinhaltet viele Figuren und Charaktere. Ich will diese Richtung zukünftig mehr in meine Leinwand-Bilder einfließen lassen.


In einem Artikel über Dich vergleicht der Autor Deine Bilder mit der Fotografie. Die Fotografie hat das unendlich Reproduzierbare in die Kunst eingebracht. Was ist für Dich der wesentliche Unterschied? Was kann Deine Kunst, was eine Fotografie nicht kann?

Ich mag Fotografien. Aber eine Kamera ist mechanisch, künstlich. Meine Kunst geht über eine Fotografie hinaus. Auf einem Foto gibt es manchmal einen Schatten oder die Farben sind zu wenig intensiv. In einem Foto bilde ich das ab, was ist. In meinen Bildern arrangiere ich die Objekte neu, ich erschaffe die Wirklichkeit neu. Im Prinzip erschaffe ich meine eigene Welt, vielleicht erwecke ich eine neue Welt zum Leben. Manchmal nutze ich ein Foto als Vorlage, aber das Werk, das dann entsteht, wird immer anders aussehen als das Original. Würde ich nur das genaue Abbild reproduzieren, würde ich ganz schnell das Interesse an der Kunst verlieren. Meine Werke kann ich verändern, ich kann sie beeinflussen. Ich muss die Realität nicht so hinnehmen wie sie ist. Ich sage immer, ich habe die Lizenz, alles zu verändern (schmunzelt schelmisch) Die Welt kann ich nicht verändern, aber in meinen Werken kann ich das, weil ich menschlich bin. Menschlich zu sein heißt aber auch fehlbar zu sein, manchmal funktionieren Dinge nicht so wie ich will und manchmal kann ich nur akzeptieren, dass das, was ich gerade erschaffen habe, zum aktuellen Zielpunkt nicht besser geht. Es gibt Grenzen. Ich habe Grenzen.

Du spielst Klavier und Gitarre. Zwei Arten des künstlerischen Ausdrucks - das Malen und das Musizieren. Welche Bedeutung haben diese beiden Ausdrucksformen für Dich? Geht etwas in einem, was im anderen nicht möglich ist?

Schon als ich ein Kind war, wurde in meiner Umgebung immer musiziert. Ich liebte Menschen, die Gitarre spielen. Zudem bin ich ein Mensch, der sehr gerne liest, vor allem Kunstbücher. Wenn ich verreise, gehe ich oft in Bücherläden, sie ziehen mich irgendwie magisch an. Als ich damals in Detroit war, sah ich in einem Buchladen ein Buch, um sich selbst das Gitarre-Spielen beizubringen. Ganz spontan kaufte ich es. Ein paar Tage später kaufte ich gleich eine Gitarre dazu für damals 300 USD. So brachte ich mir damals mit der Anleitung in dem Buch selbst das Gitarre-Spielen bei. Dann führte eins zum anderen, ich traf einen Gitarristen in einem Gospel-Chor, der mir beibrachte, wie man nach Gehör spielt. Später kam dann das Piano dazu.

Die Musik ist wie Nahrung für meine Seele (zeigt wieder auf seinen Bauch). Heute spiele ich Gitarre und manchmal auch Piano in der Kirche. Ich bin nicht wirklich gut und virtuos, aber es ist doch besser, überhaupt Musik in der Kirche zu haben als gar keine (lacht).

Die Malerei bringt mir mein Einkommen, die Musik ist für mich ein Weg, um in meiner Balance zu bleiben, sie ist ein Ausgleich. Die Malerei ist eindeutig meine oberste Priorität, bis heute bin ich nicht für meine Musik bekannt.

Du hast eine gewisse Zeit Theologie studiert. Welche Rolle spielen theologische Denkansätze in Deiner Kunst? Oder um es noch etwas weiter zu fassen - siehst Du Dich als philosophischen Künstler?

Oh nein, ich glaube, ich bin kein philosophischer Künstler (lächelt verlegen). Aber ich liebe es, mich über Religionen zu belesen und mir Gedanken zu machen. Ich finde es immer wieder erschütternd, wie Menschen sich gegenseitig für ihre religiösen Überzeugungen umbringen können, denn in meiner Wahrnehmung und Weltsicht sollten alle Menschen koexistieren, egal welche Einstellung sie haben. Dass das leider zu viele Menschen anders sehen, hat mich schon viel beschäftigt und tut es nach wie vor. Ich bin in einem monotheistischen Glauben aufgewachsen, aber es existieren natürlich auch andere, polytheistische Glaubensrichtungen und ich versuche, andere Menschen in ihren Religionen und in ihren Beweggründen zu verstehen. Zudem finde ich es wichtig, sich in seinem eigenen Glauben immer wieder aufs Neue herauszufordern. Man übernimmt als Kind unreflektiert Ideen über den Glauben, in dem man aufwächst, aber diesen Glauben zu überprüfen, zu hinterfragen, ist für mich essentiell. Ich glaube immer noch an Gott und die Bibel, könnte aber auch prinzipiell Buddhist oder Moslem sein. Das Einzige was für mich persönlich nicht in Frage kommt, ist das Konzept des Atheismus. Alles was ich in der Welt erlebe, was ich sehe und erfahre, sagt mir persönlich, dass es einen Gott gibt, dass es einen Schöpfer gibt. Dennoch bin ich offen für die Kritik und die Gedanken anderer, das halte ich für extrem wichtig. Oft werden wir Menschen im Angesicht von Kritik verteidigend. Aber Kritik vermittelt unserem Bewusstsein, dass wir alle Individuen sind.

Du sagtest in einem Interview, dass Du frei sein willst von Trends. Du malst das, was Du willst. Und Du willst auch im Leben frei sein. Es gibt gemäß dem deutschen Philosophen Isaiah Berlin zwei Konzepte von Freiheit. Die Freiheit von etwas und die Freiheit hin zu etwas. Was ist Deine „Freiheit“? Welche Bedeutung hat sie für Dich und im Hinblick auf die Gesellschaft?

Ich hasse Arbeit, wenn ich in eine Struktur gepresst werde, aber ich liebe Kunst. Aber ganz allgemein kann ich das vermutlich besser an einem Beispiel erklären. In der Kunstszene gibt es gewisse Autoritäten und Kritiker. Diese definieren, was zu einem gewissen Zeitpunkt ‚Kunst‘ ist, welche Elemente und Ausprägungen ‚Kunst‘ haben muss, um als solche verstanden und akzeptiert zu werden. Oft denke ich, dass sie eigentlich nicht wirklich etwas von Kunst verstehen, oder auch nicht wissen, was Kunst wirklich ist. Wenn ich manche Werke der Zeitgenössischen Kunst betrachte, dann berühren sie mich persönlich nicht besonders. Auch wenn andere Menschen entscheiden, das ist ‚gut‘ und das ist ‚schlecht‘, hat das nichts mit mir zu tun. Wenn ich ein Werk male, will ich nicht etwas malen, was ‚man' sehen will. Ich will malen, was mich persönlich berührt, was mir etwas bedeutet. Und die Menschen, die meine Kunst kaufen und lieben, finden genau das in meinen Bildern, was ich intendiere. Das macht mich glücklich. Deshalb mache ich mich frei von der Meinung dieser Kritiker. Niemand darf bewerten oder verurteilen, was ich male. Ich will anderen nicht imponieren. Zudem wird mein Werk weder besser oder schlechter, nur weil einer eine Meinung über mich hat. (denkt nach) Irgendwie habe ich dieses Selbstvertrauen aus meiner Kindheit heraus entwickelt. Wenn jemand in der frühen Schulzeit über meine Bilder gelacht hat, hat es mich eher angespornt, besser zu werden. Werde ich niedergedrückt, entwickle ich eine besondere Energie, mich weiterzuentwickeln, stärker zu werden. Es spornt mich an. So viele Künstler malen Mainstream, um zu gefallen. Wir alle wollen Erfolg haben und gefallen, aber mir ist es wichtiger, bei mir zu bleiben. Das ist Freiheit. Die Freiheit ich selbst zu sein. Jede Gesellschaft hat Regeln, ich bin kein Rebell, das heißt, ich bin nicht respektlos zu anderen, aber ich will ich selbst sein. Ich will mich wohl in meiner Haut fühlen.

In einem Zitat auf Deiner Homepage sagst Du, dass wir gefangen sind zwischen Überlebens- und Zugehörigkeitsdruck in einer materialistischen Gesellschaft. Welche Rolle spielt Identität für Dich persönlich. Spürst Du eine Identität oder brauchst Du gar keine? Warum, glaubst Du, suchen Menschen danach?

Alle Menschen nehmen sich ernst, aber manche nehmen sich ernster, als sie sollten. Jeder hat in der Gesellschaft und in der Welt eine Rolle zu spielen und darin sind wir gleichwertig. Keiner ist wichtiger als der andere. Viele Menschen wollen als etwas gesehen werden. Und dann frage ich sie manchmal, würdest du dich auch als Baum oder Tier sehen können?

Wenn ich die Menschen beobachte, dann sehe ich oft Getriebene. Sie sind gestresst, weil sie zum Beispiel das bessere Auto wollen. Ich denke immer, dass ein Auto einfach nur fahren muss, dann erfüllt es doch seinen Zweck, oder? Aber die Menschen streben auch in ihrer Karriere immer die höhere Position an, ohne einmal innezuhalten und zu betrachten, wo sie gerade sind, was sie schon erreicht haben oder ob sie Dinge wirklich wollen. Es gibt keine Pause, es gibt immer nur den Blick nach vorne, nach noch mehr, noch besser, nach dem nächsten Level. Diese Menschen haben darüber keine Zeit mehr, die schönen Dinge im Leben zu sehen. Sie genießen den Lebensstand nicht, den sie doch schon erreicht haben und in dem sie sich gerade schon befinden. Sie verpassen darüber so viel und hören nie auf, Druck auf sich selbst auszuüben.

Das Wichtigste ist doch, wie du dich selbst siehst, nicht wie andere dich sehen. Wir alle werden nicht alles erreichen können, was wir vielleicht erreichen wollen. Aber indem wir es dennoch erreichen wollen, sehen wir nicht mehr all die schönen Dinge um uns herum, das Meer, die Berge. Wir genießen nicht mehr. Wir leben hier auf Barbados auf einer sehr kleinen, aber landschaftlich traumhaft schönen Insel. Aber dennoch gehen die Menschen jeden Tag zur Arbeit und dann wieder nach Hause und nicht einmal am Wochenende nehmen sie sich die Zeit, die vielen schönen Flecken auf dieser Insel zu entdecken oder aufs Neue wahrzunehmen. Viele der Menschen, die hier schon seit ihrer Geburt leben, kennen viele wunderschönen Ecken auf dieser Insel nicht und es gibt unendlich viele davon. Sie sind gefangen in ihrem Trott. Kürzlich hatte ich ein Gespräch mit dem Käufer einiger Bilder von mir. Er sagte mir, dass ich mit meiner Einstellung zum Leben sehr untypisch für Barbados bin. Deshalb lasse ich an manchen Tagen meine Leinwände einfach links liegen und geniesse. Heute morgen beispielsweise war ich am Meer.

Du sagst, es sei wichtige, wie man sich selbst sieht. In der westlichen Welt ist die Frage „Wer bin ich?“ , also die Frage der Selbstfindung, sehr en vogue und omnipräsent. Wie findet man denn heraus, wie man sich selbst sehen sollte?

Wer ich bin? Das ist doch eine typische New Age Frage, nicht wahr? Wenn ich unsicher werde, dann fühlen sich alle Menschen in der Umgebung als mir überlegen, als besser an. Wenn man in solchen Momenten realisiert, dass die anderen vielleicht durch gewisse Umstände bedingt einfach nur ein höheres Selbstvertrauen haben, relativiert es vieles. Ich denke, dass es sehr zentral ist, dass man von der Anerkennung im Außen nicht abhängig wird. Wenn man sie in sich selbst findet, ist sie ein guter Gradmesser. Auch ich habe hin und wieder Momente des Zweifels, der Frustration. Dann sehe ich mir gerne afrikanische Filme an. Die sind nicht so voll von Stereotypen wie die aus Hollywood. Oft kann man aus den Geschichten etwas lernen und wird inspiriert. Man realisiert, dass andere Menschen ähnliche Themen haben. Das hilft.

© Travel-Edition © Bilder Neville Legall & travelART by Ellen


Vielen Dank für die Kontaktanbahnung an Gallery of Caribbean Art Speightstown, Barbados.

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