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  • Joachim Materna und Ellen Kuhn

Reisen in pandemischen Zeiten - eine Analyse zum Jahreswechsel


„Die Liebe in den Zeiten der Cholera“ ist ein Roman des kolumbianischen Literaturnobelpreisträgers Gabriel García Márquez. Darin wartet die Hauptfigur Florentino Ariza genau 51 Jahre, 9 Monate und 4 Tage darauf, seine angebetete Fermina Daza endlich für sich zu gewinnen. Und tatsächlich kommt es nach dieser Zeit, in der sie beide ein erfülltes, aber sehnsuchtsvolles Leben geführt hatten, doch noch zu einem Happy End.

„Das Reisen in den Zeiten von Corona“ ist (noch) kein Roman, bietet aber auf den ersten Blick wirklich ganz viel Stoff für eine tragische oder schwermütige Story. Wird es ein Happy End geben? Wir meinen - ganz sicher!

Aber der Reihe nach.

Das haben wir uns alle ganz anders vorgestellt und gewünscht…

Noch in den vergangenen Sommer-Monaten dieses Jahres 2021 keimte in Sachen Pandemie so etwas wie Hoffnung, manchmal sogar Euphorie auf. Zumindest in Europa erlaubten niedrige Corona-Fallzahlen und eine ansteigende Impfquote zunehmende Reiseaktivitäten. Plötzlich war es wieder möglich, den Urlaub in Kroatien, Griechenland, Italien, Spanien oder in anderen europäischen Ländern zu verbringen. Aber dann kam der Herbst und mit dem Herbst kam nicht nur eine neuerliche Corona-Welle, sondern es kamen auch eine Reihe damit zusammenhängender bitterer Erkenntnisse:

  • Die angestrebte Ziel-Quote von 80 Prozent für eine vollständige Impfung, die so etwas wie Herdenimmunität erzeugen sollte, wurde nur in wenigen Ländern wie Portugal, Spanien und in den Vereinigten Arabischen Emiraten erreicht. In vielen, vor allem europäischen Ländern konnte keine ausreichende Akzeptanz für die Impfung erreicht werden. Oft entwickelten sich sogar tiefe ideologische Risse innerhalb der Gesellschaften oder sogar innerhalb von Familien und unter Freunden.

  • Die Wirksamkeitsdauer der Impfstoffe erwies sich als deutlich kürzer als erhofft. Die mRNA-Impfstoffe BionTech und Moderna haben nach 6 Monaten nur noch eine Wirkung von ca. 50 Prozent, die Vektoren-Impfstoffe wie zum Beispiel von AstraZeneca verlieren bereits nach drei Monaten dramatisch an Schutz und sind nach 6 Monaten fast schon bei Null. Die Notwendigkeit einer Auffrischimpfung wurde relativ schnell erkannt, aber die Umsetzung dieser Booster-Impfungen braucht Zeit. So ist leicht erklärbar, warum plötzlich die Zahl der Corona-Erkrankten unter bereits geimpften Menschen in den letzten Wochen schnell anstieg. Erfreulicherweise ist der Verlauf dieser „Durchbruch-Infektionen“ überwiegend milde.

  • Keine neue Erkenntnis war, dass herbstliches und winterliches Klima mit gesunkenen Aussentemperaturen und Zusammentreffen vieler Menschen in geschlossenen Räumen die Infektionsübertragung massiv begünstigen. So ist es bei anderen saisonalen Infektionswellen wie zum Beispiel der Influenza-Grippe immer schon gewesen.

  • Während die hochentwickelten Industrie-Länder derzeit ihren Medizin- und Verwaltungsapparat ein weiteres Mal hochfahren, um die Boosterung schnellstmöglich zu bewerkstelligen, haben viele Länder rund um den Globus nach wie vor keinen ausreichenden Zugriff auf hochwertige Impfstoffe oder haben schlichtweg nicht die Infrastruktur, um die Vakzine zu den Menschen zu bringen. So liegt die Impfquote in den meisten Ländern vor allem Afrikas deutlich unter 30 Prozent.

  • Und dann kam auch noch Omicron. Es gehört zu den typischen Eigenschaften eines jeden Virus, dass er die Oberfläche seiner Trägerhülle permanent verändert, um zu überleben. Etwa so wie ein Autodieb Farbe und Fahrgestellnummer verändert, um das Diebesgut wieder unter die Leute zu bringen. Seit dem Ursprung des Corona-Virus im chinesischen Wuhan hat es unzählige Varianten und Veränderungen, also sogenannte Mutationen, gegeben. Welche Bedeutung Omicron für den weiteren Verlauf der Pandemie haben wird, ist bis dato unklar, (aktuelle Zahlen scheinen auf eine hohe Infektiosität, aber mildere Verläufe hinzudeuten) allerdings liegen weltweit die Nerven blank und jede neue Nachricht dieser Art führt zu einer medialen Panik und das obwohl wir alle nach zwei Jahren wissen, dass auch ein mutierter Virus immer noch Corona bleibt und niemals Ebola sein wird.


All diese Entwicklungen hatten und haben unmittelbaren Einfluß auf alle Länder dieser Erde und damit auf die Möglichkeit zu reisen. Der Tourismus ist schon lange nicht mehr in der Lage zu agieren, sondern versucht seit Beginn der Pandemie nur noch zu reagieren, um ihren Kunden das Reisen irgendwie möglich zu machen und auch um zu überleben. Und das betrifft nicht nur die Reisebüros und -veranstalter hierzulande, sondern alle Partner im Tourismus weltweit.

Deshalb ein kurzer Blick hinaus in die Welt ausserhalb Europas, was allerdings nur eine Momentaufnahme Ende Dezember 2021 ohne Anspruch auf Vollständigkeit sein kann.


  • Mittel- und Südamerika hatten im dortigen Winter bis August/September ihre letzte Welle und bewegen sich zur Zeit in niedrigen Inzidenzbereichen. Die Impfungen erfolgen schleppend und wurden anfangs zumeist mit chinesischen und russischen Vakzinen durchgeführt. AstraZeneca etabliert zunehmend Produktionsstätten in Südamerika. Neben Kuba sind Argentinien, Brasilien und Mexiko die einzigen Länder Lateinamerikas, in denen nicht nur geimpft, sondern Impfstoffe auch hergestellt werden, wobei nicht alle bereits eine Zulassung haben. Der BionTech/Pfizer-Impfstoff wird vor allem aus den USA über das Covax-Programm importiert. Alles in allem sind die Impfraten aber so niedrig, dass im nächsten Winter eine neue Welle befürchtet werden muss.

  • In Nordamerika hat Kanada mit über 75 Prozent eine durchaus beachtliche Impfquote und konnte dadurch zwar keine neuerliche, abgeschwächte Coronawelle verhindern, aber doch die Zahl der Hospitalisationen und Todesfälle massiv reduzieren. Schlechter sieht es in den USA aus, wo Präsident Biden und sein Team damit ringen, wenigstens die 60 Prozent-Grenze zu erreichen - zu wenig, um das Land im kommenden Winter stabil zu schützen. Die Öffnung der Grenzen für touristische Reisen in die USA seit November ist daher ein noch recht vager Hoffnungsschimmer.

  • In Asien hat sich seit September/Oktober eine Verbesserung der Inzidenzen ergeben. Teilweise ist das auf Erfolge im Impfprogramm zurückzuführen (Singapur erreichte vor kurzem 80% Vollimpfung), teilweise auf strickte Lockdown- und Isolationspolitik (Singapur, Thailand, Indonesien). Teilweise werden Grenzen für touristische Reisen nun wieder geöffnet, teilweise aber nur für bestimmte Länder (z.B. für die Einreise nach Bali nicht für Deutsche), teilweise aber seit dem Auftreten von Omicron auch wieder geschlossen oder massiv reglementiert (z. B. Japan, Südkorea).

  • Hinter Afrika bleibt seit Beginn der Pandemie ein großes Fragezeichen. In fast allen Ländern besteht eine enorme Dunkelziffer bezüglich der Corona-Infektionen, da die administrative Erfassung vielerorts mangelhaft ist. Oder totalitäre Autokraten (wie der letzte Präsident Tansanias) erklären die Pandemie von Amtswegen für nicht existent oder für offiziell beendet. Korrespondierend ist die Situation bei der Impfquote, wobei zum Mangel an Impfstoffen in vielen Ländern auch eine Ablehnung gegenüber der Vakzination besteht und man sich statt dessen auf die traditionell-indigene Medizin mit stark spirituellem Einschlag beruft. Gleichzeitig gibt es zum Beispiel in Südafrika eine hochmoderne Medizin, sodass nicht zufällig dort die neue Omicron-Variante in einem High-Tech-Labor entdeckt wurde, obwohl der Ursprung der Mutation vielleicht sogar gar nicht im Land war.

  • Australien und Neuseeland waren von Beginn der Pandemie an bis August dieses Jahres mit ihrer Zero-Cases-Politik relativ erfolgreich, wenn man es an der verschwindend geringen Anzahl an Corona-Fällen in dieser Zeit misst. Der Preis dafür war eine extreme Abschottung beider Länder, die beinhaltete, dass keine Australier bzw. Neuseeländer ihr jeweiliges Land verlassen durften und auch Landsleute, die sich zum Zeitpunkt der Schliessung im Ausland befanden, nicht (oder nur unter strengsten Auflagen) zurückkehren durften. Traten in Städten wie Melbourne oder Auckland auch nur ein oder zwei Fälle auf, wurden die entsprechenden Regionen wochen-, manchmal monatelang komplett abgeriegelt. Im Vergleich zu Europa führte diese Politik nur zu geringen Protesten. Beide Nationen waren im Gegenteil stolz auf die praktizierte Solidarität. So ist es auch kein Wunder, dass beide Länder innerhalb kurzer Zeit seit Mitte des Jahres eine etwa achtzigprozentige Impfquote erreichen konnten. Australien startet nun eine Öffnung ab Anfang 2022 mit vielen Auflagen, kämpft aber schon wieder mit explodierenden Zahlen im Land. Neuseeland will Touristen nicht vor Ende April 2022 zulassen. Das Bild in der sonstigen Inselwelt Ozeaniens ist inhomogen, wobei viele nach wie vor eine Politik der kompletten Abschottung betreiben (z.B. Osterinsel).

Führt man sich all diese Aspekte und Stichworte vor Augen, wird klar, dass Reisen in den nächsten Monaten sehr viel Information, Flexibilität, Spontanität und Resilienz erfordert.

Immer mehr Länder haben - vor Omicron - für geimpfte und genesene Touristen (2G) geöffnet, teilweise mit einem zeitnahen Antigen- oder PCR-Test (2G plus, siehe oben z.B. USA und andere). Costa Rica und Kenia lassen nur Geimpfte ins Land (1 G). Hinzu kommen fast überall noch umfangreiche Fragebögen zum Gesundheits- und Reiseverlauf in den letzten Wochen vor der geplanten Einreise. Das sind zwar schwierige Auflagen, aber alles ist machbar, wenn man ganz gezielt ein Land ansteuert und die obigen Voraussetzungen mitbringt. Nie vorhersagbar ist, ob die Gesundheitspolitiker eines Landes ansteigende Inzidenzen oder Virusvarianten zum Anlass nehmen, die Grenzen vorübergehend wieder zu schliessen oder im Land neue Lockdown-Maßnahmen zu verhängen, die jedem Gefühl unbeschwerten Reisens entgegenstehen. Nimmt man all dies in Kauf, kann man seinen lange unterdrückten Fern-Reisetraum in einem günstigen Slot vielleicht in Angriff nehmen.

Mit einer umfassend bis ins Detail vorgeplanten Weltreise ist all dies allerdings nicht vereinbar. Schon in „normalen“ Zeiten kann ein Dominostein innerhalb eines ausgefeilten Weltreise-Konstrukts extrem viel durcheinanderbringen. In Pandemie-Zeiten ist solch ein Konstrukt von vorne herein zum Scheitern verurteilt.

Wer eine Weltreise in dieser Form plant, sollte seine schon überstrapazierte Zeit der Geduld schweren Herzens nochmals bis mindestens Februar oder März 2022 verlängern, um dann die Gesamtsituation neu zu beurteilen. Wer natürlich zeitlich (und am besten auch finanziell) flexibel ist und über gute Nerven verfügt, muss sich durch all das nicht eingeschränkt fühlen.

Dieses Resümee unserer Analyse tut uns letztendlich sehr leid, für uns wie für all die Menschen, die voller Sehnsucht mit den Füssen scharren und endlich wieder ganz lange, ganz weit weg wollen.

Andererseits wissen wir, dass diese Pandemie vorbeigehen wird. Das ist bei allen Pandemien so gewesen und erfordert nur noch etwas länger unser aller Resilienz. Die Zeit zum Reisen in und um die Welt wird wieder kommen. Ganz sicher und es wird keine 51 Jahre dauern wie bei Florentino Ariza. Und so lange dürfen wir alle davon träumen. Oder um es mit Nido Qubei, dem amerikanisch-libanesisch-jordanischen Geschäftsmann und Motivationstrainer zu sagen: „So etwas wie unrealistische Träume gibt es nicht. Es gibt lediglich unrealistische Zeitvorgaben.“


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